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„Zu selle Zeit“ – Die Geschichte des Dorfes Alexandrowka

Tatjana Rene, kurzes, dunkles Haar, in Rock und Bluse mit Blümchenmuster, führt uns durch das kleine Museum in Alexandrowka. Von den 1300 Einwohnern des Dorfes, sagt sie, sprechen heute noch etwa 12 Prozent schwäbischen Dialekt. Tatjanas Großmutter war im Alter von 12 Jahren nach Sibirien gekommen. Die Eltern, Tatjana selbst und auch ihre Kindern wurden in Alexandrowka geboren.

„Über 80 deutsche Familien haben sich 1893 hier, im Westen Sibiriens, angesiedelt“, erklärt Tatjana, während sie uns in den ersten Ausstellungsraum führt. Nach ihrer Ankunft hätten die Siedler in einfachen Erdhütten gewohnt. Die Wasserversorgung sei noch ein Problem gewesen. „Zu selle Zeit gab es kaum Brunnen mit Süßwasser“, sagt Tatjana. Nach und nach wurde das Dorf ausgebaut. Als erstes großes Gebäude errichtete man 1896 eine Grundschule. Ein Pastor habe dort auf Deutsch unterrichtet. Um 1910 wurde eine Mühle erbaut. Dann eine große Kirche. Ein „Bethaus“, wie Tatjana sagt. Sie zeigt auf eine alte Schwarz-Weiß-Fotografie an der Wand: ein großes Holzhaus, daneben ein zweistöckiger Glockenturm. Mit der großen Glocke rief man die Dorfbewohner zu Versammlungen. Die kleine Glocke verkündete die Geburt eines Kindes.

Das Dorf Alexandrowka im Sommer. Foto: Magdalena Sturm

Die Sowjetunion und der Zweite Weltkrieg

Die ersten Dorfbewohner waren Lutheraner. „Glaubliche“, wie Tatjana sie nennt. Zu Sowjetzeiten, als der Glaube verboten war, wurden viele Kirchen zerstört. „Auch das Bethaus in Alexandrowka wurde 1920 abgetragen“, erzählt Tatjana. Das Holz sei im Wohnhaus eines Funktionärs verbaut worden. Auch viele Bibeln wurden konfisziert. „Die Bibel war mehr als nur ein Gebetsbuch“, betont Tatjana und tritt an eine lange, schmale Vitrine mit Lehrbüchern und Bibeln. „Die Deutschen notierten darin alle Geburten, Todesfälle und Hochzeiten. Für die Familien war die Konfiszierung ein großer Verlust.“ Der Ausstellungsraum zeigt Fotos und Dokumente zur Deportation der Russlanddeutschen im August 1941, zu den Arbeitslagern in den Wäldern und Schächten Sibiriens. Tatjana erzählt, dass die Russlanddeutschen auch nach dem Krieg nicht an ihre Wohnorte zurückkehren durften. Sie standen unter Kommandantur und mussten sich regelmäßig melden.

Auswanderung nach Deutschland

Bis 1990, so Tatjana, seien 99 Prozent der Dorfbewohner Deutsche gewesen. Sie sprachen schwäbischen Dialekt. In der Schule wurde Deutsch als Muttersprache unterrichtet. Heute ist das anders. Die meisten Russlanddeutschen sind nach Deutschland ausgewandert. Die Kinder lernen Deutsch als Fremdsprache, den Dialekt hört man nur noch selten. Die Auswanderungswellen seien ein großes Problem für das Dorf gewesen, sagt Tatjana. Das Museum selbst sei in zehn Jahren von zwölf verschiedenen Direktoren geleitet worden, weil nach und nach alle weggezogen waren. Viele Häuser hätten leer gestanden. Dann kamen Deutsche aus Kasachstan nach. Doch auch sie nutzten Alexandrowka oft als Zwischenstation auf ihrem Weg nach Deutschland. Manche wiederum kehrten nach Sibirien zurück. Warum? „Dås wår wegen der Hoamkraunkheit“, sagt Tatjana Rene. Dann führt sie uns in den nächsten Ausstellungsraum: ein hölzerner Kleiderschrank, ein Spinnrad, eine Bauerntruhe und eine hölzerne „Schlupbentj“ (Schlafbank).

Ausstellungsraum im Dorfmuseum. Foto: Magdalena Sturm

Die Küche der Russlanddeutschen

Tatjana nimmt den Deckel von einem hölzernen Butterfass, das deutsche Siedler schon im 19. Jahrhundert nach Sibirien mitgenommen hatten, und zeigt auf das Rührwerk. „Hier wurde die Sahne hineingeschüttet. Dann wurde an der Kurbel gedreht.“ Sie dreht an der Kurbel, das Rührwerk setzt sich in Bewegung. „Und hier“, Tatjana öffnet eine Klappe an der Unterseite des Fasses, „hier lief die Buttermilch heraus.“ Die Deutschen, sagt sie, hätten mit Buttermilch gebacken, sie für Soßen und Suppen verwendet. Daneben steht eine Wurstpresse für Leberwurst, eine Saftpresse für Zuckerrübensaft und eine Backform für Riwwelkuchen (Streuselkuchen). „Von diesen hier“, sagt Tatjana und hebt ein gusseisernes Waffeleisen hoch, „gab es zu selle Zeit nur wenige im Dorf.“ Das Waffeleisen sei von einer Familie zur nächsten weitergereicht worden. „Wenn wir es gerade hatten, hat meine Mutter gleich einen ganzen Eimer voll Teig gemacht“, erinnert sich Tatjana und lacht.

Der Künstler Alexander Wormsbecher

Der letzte Raum des Museums ist dem russlanddeutschen Künstler und Pädagogen Alexander Wormsbecher (1914 – 2007) gewidmet. „Er war es, auf dessen Initiative das Museum 1993 gegründet wurde“, erklärt Tatjana. Wormsbecher wurde 1914 in Karl-Marx-Stadt an der Wolga geboren. Im Jahr 1941 wurde seine Familie nach Sibirien deportiert. „Es war mein großes Unglück, dass ich meine Heimat verlassen musste“, schrieb er in seinem Buch „Ein deutsches Dorf in Sibirien“, „Aber ich hätte nie gedacht, dass ich so weit weg, in Sibirien, in ein Dorf mit deutscher Sprache und Kultur komme.“ Wormsbecher habe, so Tatjana, viele Jahre an der Schule in Alexandrowka unterrichtet. Anfang der 1990er-Jahre, er war damals schon 80 Jahre alt, ging er nach Deutschland. Seine Bilder übergab er dem Museum. „Wir haben heute 70 Bilder und 300 Grafiken“, sagt Tatjana.

Tatjana Rene arbeitet seit 15 Jahren im Museum. Foto: Magdalena Sturm

Im schwäbischen Dialekt

Tatjana hat Hochdeutsch und Russisch als Fremdsprachen gelernt. Der schwäbische Dialekt ist für sie die Muttersprache. Auf die Frage, ob sie nicht etwas im Dialekt sagen könne, meint sie: „I bin vaheirat scho vierunddreeßig Jår. I hab zwee Kinner. Mei erster Sohn is finfunddreeßig Jår, mei Tochter is onondreeßig. I hab vier Engel. 21 Jår håb i gearbeitet im Kindergårten als Erzieherin und schon finfzehn Jår årbeit i hier im Museum.“ Nachdem wir uns von Tatjana Rene verabschiedet haben, gehen wir noch in den Dorfladen nebenan. Dort wird das Brot aus der „Дойче Бэкэрай“ des Russlanddeutschen Valerij Root verkauft. Eine der Mitarbeiterinnen plaudert mit uns auf Deutsch. Sie gehört, wie Tatjana Rene, zu den 12 Prozent, die geblieben sind.

Von Magdalena Sturm

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